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Backtest: Montels europäische Strompreisszenarien meist im Korridor – Ausreißer bei geopolitischen Schocks

Langfristige Strompreisszenarien bis 2060 sind eine etablierte Grundlage für strategische und Investitionsentscheidungen im Strommarkt. Entsprechend stellt sich vielen Marktteilnehmern die Frage, wie sich Qualität und Verlässlichkeit solcher Szenarien bewerten lassen. Ein naheliegender Ansatz ist das Backtesting: Frühere Szenarien werden mit den tatsächlich eingetretenen Strompreisen verglichen. 

Der Grundgedanke ist nachvollziehbar. Gerade bei kurzen Betrachtungszeiträumen kann ein solcher Vergleich jedoch zu Fehlinterpretationen führen. Warum das so ist, zeigt der folgende Blick auf Montels kontinentaleuropäische Strompreisszenarien.

May 12th, 2026
Power price scenarios backtest

Szenarien sind keine Prognosen 

Montel berechnet seine Strompreisszenarien mit dem hauseigenen fundamentalen Strommarktmodell Power2Sim. Für die drei Szenarien Central, Tensions (High) und Go Hydrogen (Low) werden jeweils unterschiedliche Annahmen zu den zentralen Einflussfaktoren des Strommarkts getroffen. Mehr Informationen zu den einzelnen Strompreisszenarien finden Sie in unserem EU Energy Outlook

Wichtig ist dabei: Strompreisszenarien sind keine Prognosen. Sie sollen konsistente, plausible Entwicklungspfade aufzeigen und einen Lösungsraum beschreiben, in dem sich künftige Preise bewegen können. Keines der Szenarien erhebt den Anspruch, den tatsächlichen Preisverlauf punktgenau vorherzusagen. Dafür ist der Strommarkt zu stark von kurzfristigen Einflussfaktoren wie Wetter, Rohstoffpreisen oder Stromnachfrage geprägt. 

Herausforderung bei der Bewertung eines Zeitraums von drei Jahren oder weniger 

Für eine sachgerechte Bewertung ist es zunächst wichtig, den zugrunde liegenden Modellierungsansatz zu verstehen. In unseren Szenarien und deren quartalsweisen Updates spielen Rohstoffpreise eine wichtige Rolle und haben insbesondere in der kurzen Frist einen hohen Einfluss auf die Strompreisentwicklung – analog zu den beobachtbaren Marktbewegungen, bei denen kurzfristige Preisschwankungen zum Teil stark durch Rohstoffpreise getrieben sind. 

Gleichzeitig basiert die Strompreismodellierung nicht ausschließlich auf Rohstoffpreisen. Auch in der kurzen Frist werden weitere fundamentale Einflussfaktoren berücksichtigt, darunter u.a. die Entwicklung der installierten Leistung erneuerbarer Energien und thermischer Kraftwerke, der Ausbau von Batteriespeichern (BESS), der Stromnachfrage und weiterer Einflussfaktoren, welchen in dem oben verlinkten Beitrag detailliert erklärt werden. 

Mit Fokus darauf, wie Rohstoffpreis modelliert werden, nutzt Montel für die ersten drei Jahre – also den am Terminmarkt liquide handelbaren Zeitraum – aktuelle Terminmarktpreise für Rohstoffe. Danach schwenken die Pfade auf die jeweiligen langfristigen Szenarienverläufe ein, die für Kohle, Öl und CO2-Zertifkate auf Szenarien des World Energy Outlook der International Energy Agency basieren. Für die langfristige Gas-Preisentwicklung wird eine eigenständige Modellierung herangezogen, welche zunächst auf der Entwicklung der LNG-Preis und ab 2050 auf den Wasserstoffpreis basiert. 

Die Rohstoff-Terminmarktpreise spiegeln volatile Erwartungen an künftige Day-Ahead-Preise wider und sind deshalb immer nur eine Momentaufnahme. Für die drei Strompreisszenarien kommen unterschiedliche methodische Ansätze zum Einsatz: Im Central-Szenario wird der Durchschnitt der Terminmarktpreise der vergangenen zwei Wochen rund um einen definierten Stichtag verwendet, im Tensions-Szenario der Höchstwert und im Go-Hydrogen-Szenario der Tiefstwert dieses Zeitraums. 

Die auf Basis dieser Rohstoffpreise modellierten Spot-Strompreise müssen deshalb nicht mit den aktuell gehandelten Strom-Terminpreisen übereinstimmen. Das gilt insbesondere dann, wenn der Markt bei anderen Einflussfaktoren – etwa Kraftwerkspark, Nachfrage oder Wetter – kurzfristig andere Annahmen einpreist als im jeweiligen Szenarienpfad hinterlegt sind. Gleichzeitig liegen die tatsächlich gehandelten Strom-Terminpreise durch die Verwendung der Extremwerte im High- und Low-Szenario meist innerhalb oder zumindest nahe des eröffneten Lösungsraums. 

Hinzu kommt: Der Szenarienverlauf für die ersten drei Jahre kann die Volatilität des Spotmarkts in Extremsituationen nicht vollständig abbilden. Deshalb ist die Aussagekraft eines kurzfristigen Backtests über wenige Jahre zwangsläufig begrenzt. Belastbarer ist der Blick über längere Zeiträume. Dort sollten sich die historischen Strompreise überwiegend innerhalb des modellierten Lösungsraums der drei Szenarien bewegen. 

Die folgende Grafik vergleicht historische Termin- und Spotpreise für Deutschland – jeweils als Jahresdurchschnitte – mit den seit 2012 jeweils im vierten Quartal von Montel Energy Brainpool veröffentlichten europäischen Strompreisszenarien. Alle Punkte stehen für Jahresmittelwerte von Spot- bzw. Terminmarktpreisen; die Verbindungslinien dienen ausschließlich der Visualisierung und zeigen keinen unterjährigen Verlauf. 

Vergleich von historischen Terminmarkt- und Day-Ahead-Preisen mit den historischen Updates unserer Strompreisszenarien
Abbildung 1: Vergleich von historischen Terminmarkt- und Day-Ahead-Preisen mit den historischen Updates unserer Strompreisszenarien

Kernaussagen aus dem Backtest 

Der Rückblick zeigt zunächst ein klares Bild: Von 2013 bis 2016 lagen sowohl die historischen Terminmarktpreise als auch die jeweiligen Central-Szenarien durchgehend über den tatsächlichen Spotpreisen. Seit 2016 veröffentlicht Montel Energy Brainpool drei konsistente Szenarien, um die Bandbreite möglicher Entwicklungen abzubilden. In diesem Korridor bewegten sich die historischen Spotpreise im Jahresmittel überwiegend innerhalb der modellierten Bandbreite. Selbst die Corona-Delle fiel nicht unter die Niedrigpreis-Szenarien. 

Die deutliche Ausnahme bilden die extremen Preisspitzen der Jahre 2022 und 2023 nach Russlands Angriff auf die Ukraine. Hier zeigen sich die Grenzen szenarienbasierter Modelle bei seltenen politischen Schocks. Gleichzeitig macht der Vergleich der gestrichelten schwarzen Linie der Terminmarktpreise mit der schwarzen Linie der durchschnittlichen Spotpreise für 2022 bis 2025 die methodische Herausforderung sichtbar: Terminmarktpreise spiegeln Erwartungen an künftige Spotpreise auf Basis der jeweils verfügbaren Informationen wider und bilden Markteffekte daher zeitversetzt ab. 

Der starke Anstieg der Terminmarktpreise von 2021 auf 2022 zeigt aber auch, dass die Märkte die Risiken des Russlandkonflikts ab dem vierten Quartal 2021 zumindest teilweise antizipiert haben. Entsprechend stiegen auch die auf Terminmarktpreisen beruhenden modellierten Strompreise aller drei Szenarien von 2021 auf 2022 deutlich an. 

Für 2023 und 2024 ist zudem gut zu erkennen, dass die jeweils im Vorjahr veröffentlichten Szenarien wegen des damals hohen Terminmarktniveaus ebenfalls über den später realisierten durchschnittlichen Spotpreisen lagen. Danach passen sich die Markterwartungen mit den eingetretenen Spotpreisen schrittweise wieder nach unten an. Die tatsächlichen Spotpreise lagen bereits ab 2023 wieder nahe am 2022 modellierten Szenarienkorridor. 2024 lagen sie nur noch knapp über den zwischen 2012 und 2021 veröffentlichten High- und Central-Szenarien. 

Unser Fazit 

Jenseits von Extremereignissen und kurzfristigen Ausschlägen liefern Strompreisszenarien eine robuste Bandbreite möglicher Preisverläufe. Welches Szenario für Bewertung und Planung am besten geeignet ist, hängt von Risikoappetit und Markteinschätzung ab. Trotz ihrer Grenzen bleiben sie damit die bestmögliche Grundlage für langfristige Investitionsentscheidungen im Strommarkt.

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