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EU ETS im Wandel: Die zentralen Streitpunkte der kommenden Reform

Die Europäische Kommission arbeitet derzeit an der wohl wichtigsten Reform des europäischen Emissionshandels seit dem "Fit for 55"-Paket. Offiziell geht es um die Überprüfung des EU ETS und der Market Stability Reserve (MSR). In der Praxis geht es jedoch um deutlich mehr: Wettbewerbsfähigkeit, Industriepolitik, Klimaschutz und die Frage, wie knapp CO₂-Zertifikate in Europa künftig werden sollen.

Die Fronten verlaufen dabei längst nicht mehr zwischen Befürwortern und Gegnern des Emissionshandels. Vielmehr kämpfen verschiedene Akteure darum, wie das System in den 2030er Jahren ausgestaltet werden soll. Die zentrale Frage lautet: Wird das ETS weiterhin konsequent auf Verknappung setzen oder erhält die Industrie mehr Flexibilität?

June 28th, 2026
Aluminium producer

Die Europäische Kommission: Zwischen Klimazielen und Wettbewerbsfähigkeit

Die Position der Kommission hat sich in den vergangenen Jahren spürbar verändert. Während die ETS-Reformen der vergangenen Dekade vor allem darauf abzielten, den historischen Zertifikateüberschuss abzubauen, beschäftigt Brüssel inzwischen eine andere Sorge: Könnte der Markt in den 2030er Jahren zu knapp werden?

Diesen Wandel zeigt der Vorschlag zur MSR Aanapssung im April 2026 besonders deutlich. Darin argumentiert die Kommission, dass die MSR ihren ursprünglichen Zweck, den Abbau von Zertifikatsüberschüssen, weitgehend erfüllt habe. Gleichzeitig schlägt sie vor, die automatische Invalidierung von Zertifikaten in der Reserve zu beenden. Die Botschaft ist eindeutig: Zertifikate sollen künftig nicht mehr zwangsläufig gelöscht werden, sondern als strategische Reserve erhalten bleiben. Damit würde die MSR von einem Instrument zur Marktverknappung zu einem Instrument der Marktstabilisierung. Für viele Marktteilnehmer ist dies das erste Signal, dass die Kommission die Sorgen über eine zukünftige Zertifikateknappheit ernst nimmt.

Die Industrie: Mehr Zertifikate, mehr Planungssicherheit

Besonders energieintensive Industrien beobachten die ETS-Revision mit großer Aufmerksamkeit. Verbände wie BusinessEurope,  Cefic und European Aluminium  sehen die Gefahr schon seit längerem, dass die Verknappung des ETS schneller voranschreitet als die industrielle Transformation.

Ihre Hauptargumente lauten: Der ETS-Cap sinkt kontinuierlich, kostenlose Zuteilungen werden reduziert und die Market Stability Reserve entzieht dem Markt weiterhin Zertifikate. Gleichzeitig befinden sich viele Schlüsseltechnologien, von grünem Wasserstoff über Elektrifizierung bis hin zu CCS, noch in der Skalierungsphase. Aus Sicht eines Teil der Industrie droht dadurch eine Situation, in der Unternehmen hohe CO₂-Kosten tragen müssen, bevor wirtschaftlich tragfähige Dekarbonisierungslösungen im großen Maßstab verfügbar sind. Daher fordern einige Industrieverbände eine Reform der MSR. Ziel ist es, die Verknappung des Marktes zu begrenzen und zusätzliche Flexibilität zu schaffen, falls in den 2030er Jahren eine strukturelle Knappheit von Zertifikaten entsteht.

An dieser Stelle sei jedoch auch erwähnt, dass je nach Verband unterschiedliche Lösungen als sinnvoll errichtet werden und auch einige Unternehmen, welche insbesondre schon in den Umbau ihrer Anlagen investiert haben, Ihre sorge äußern als verlier dazustehen, wenn das EU ETS „gelockert wird.

Die Angst vor dem Knappheitsmarkt

Zu den stärksten Befürwortern einer Reform der Market Stability Reserve zählen derzeit Polen, Tschechien, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, die Slowakei und auch Italien. Diese Staaten haben in den vergangenen Monaten wiederholt Anpassungen der Marktstabilisierungsmechanismen gefordert. Ihre Argumentation ist zwar unterschiedlich, folgt jedoch einer gemeinsamen Logik: Sie befürchten, dass der europäische Emissionshandel in den 2030er Jahren von einem Überschussmarkt zu einem strukturellen Knappheitsmarkt werden könnte.

Viele dieser Länder verfügen über einen hohen Anteil energieintensiver Industrien und gleichzeitig über Stromsysteme, die weiterhin stark auf thermische Erzeugungskapazitäten angewiesen sind. Während in Polen, Bulgarien oder Tschechien insbesondere Kohlekraftwerke betroffen sind, spielt in Italien die gasbasierte Stromerzeugung eine zentrale Rolle für die Versorgungssicherheit. Hohe CO₂-Preise wirken sich daher unmittelbar auf die Stromerzeugungskosten und damit auf die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft aus.

Gleichzeitig sind die finanziellen und technologischen Voraussetzungen für die industrielle Transformation in vielen dieser Länder schwieriger als in Teilen Nord- und Westeuropas. Die Regierungen befürchten daher, dass ein dauerhaft knapper ETS-Markt zu steigenden Strompreisen, höheren Produktionskosten und einer Schwächung des Industriestandorts führen könnte. Entsprechend unterstützen sie Reformen, die zusätzliche Zertifikate verfügbar machen, die Invalidierung von Zertifikaten begrenzen oder die MSR insgesamt weniger restriktiv ausgestalten würden.

Besonders Italien hat sich in den vergangenen Monaten zunehmend als Fürsprecher einer stärkeren Berücksichtigung von Wettbewerbsfähigkeit und Energiepreisen positioniert. Rom argumentiert, dass die Dekarbonisierung nur dann erfolgreich sein kann, wenn Klimapolitik und industrielle Wettbewerbsfähigkeit gleichermaßen berücksichtigt werden.

Die Umweltverbände: Keine Aufweichung der Knappheit

Umweltorganisationen wie Carbon Market Watch , Bellona Europa, NABU und WWF betrachten die aktuellen Reformforderungen mit großer Skepsis. Für sie ist die MSR die Erfolgsgeschichte des ETS. Ohne die Marktverknappung der vergangenen Jahre wären CO₂-Preise nie auf ein Niveau gestiegen, das Investitionen in erneuerbare Energien, Elektrifizierung oder Wasserstoff wirtschaftlich attraktiv macht.

Aus ihrer Sicht würde jede Lockerung der MSR das Vertrauen in den Markt beschädigen. Besonders kritisch sehen Umweltverbände den Vorschlag der Kommission, die automatische Invalidierung von Zertifikaten zu beenden. Ihre Befürchtung: Zertifikate, die heute lediglich geparkt statt gelöscht werden, könnten später wieder in den Markt gelangen und damit das langfristige Emissionsbudget erhöhen.

Die eigentliche Streitfrage: Kostenlose Zuteilungen

Noch stärker als die Diskussion um die MSR könnte die Debatte um die kostenlose Zuteilung werden. Offiziell sollen die kostenlosen Zertifikate schrittweise durch den Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) ersetzt werden. In der Theorie soll der Grenzausgleichsmechanismus Carbon Leakage verhindern und damit Free Allocation überflüssig machen. In der Praxis wächst jedoch die Unsicherheit.

Industrieverbände argumentieren, dass der CBAM zahlreiche Schwächen aufweist. Exportmärkte werden beispielsweise bislang kaum berücksichtigt. Unternehmen befürchten daher Wettbewerbsnachteile gegenüber Produzenten außerhalb Europas.

Daraus ergibt sich eine der zentralen politischen Fragen der ETS-Revision: Soll Europa am geplanten Ausstieg aus der kostenlosen Zuteilung festhalten oder die Übergangsphase verlängern? Gerade bei diesem Thema dürften die Auseinandersetzungen zwischen Industrie, Mitgliedstaaten und Umweltverbänden besonders intensiv werden.

Die ETS-Debatte fokussiert sich auf das falsche Problem

Die aktuelle Diskussion über die Reform des EU ETS wird häufig als Konflikt zwischen Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit dargestellt. Auf der einen Seite stehen jene Akteure, die vor einer Schwächung des Emissionshandels warnen und die MSR als unverzichtbares Instrument für glaubwürdige CO₂-Preissignale verteidigen. Auf der anderen Seite stehen Industrieverbände und mehrere Mitgliedstaaten, die vor steigenden Kosten, Investitionsrisiken und einem Verlust industrieller Wettbewerbsfähigkeit warnen.

Tatsächlich hat die MSR wesentlich dazu beigetragen, den historischen Zertifikateüberschuss abzubauen und den CO₂-Preis zu einem relevanten Investitionssignal zu machen. Gleichzeitig lässt sich kaum bestreiten, dass viele energieintensive Industrien heute vor der Herausforderung stehen, Emissionen reduzieren zu müssen, ohne dass die dafür notwendigen Alternativen bereits in ausreichendem Umfang verfügbar oder wirtschaftlich tragfähig sind.

Die eigentliche Frage der ETS-Reform sollte daher nicht nur lauten, ob Europa den CO₂-Markt weiter verknappen oder zusätzliche Zertifikate in Umlauf bringen sollte, sondern vielmehr, ob Europa mit derselben Entschlossenheit, mit der es Emissionen verteuert hat, nun auch die Voraussetzungen für die Dekarbonisierung schafft. Viele der Technologien, auf die Politik und Industrie gleichermaßen setzen wie grüner Wasserstoff, CCS, Elektrifizierung industrieller Prozesse oder klimaneutrale Grundstoffproduktion, sind technisch verfügbar, stoßen jedoch weiterhin auf infrastrukturelle, regulatorische oder wirtschaftliche Hürden.

Statt sich ausschließlich auf die Frage zu konzentrieren, wie viele Zertifikate dem Markt entzogen oder wieder zugeführt werden sollten, sollte die ETS-Debatte daher stärker darauf ausgerichtet werden, wie der Ausbau der notwendigen Infrastruktur beschleunigt und Investitionen in klimafreundliche Technologien gefördert werden können.

Letztlich sollte die ETS-Reform nicht als Entscheidung zwischen Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit verstanden werden. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, beides gleichzeitig zu ermöglichen. Der europäische CO₂-Markt wird seine Aufgabe langfristig nicht dadurch erfüllen, dass er immer knapper wird, sondern dadurch, dass Unternehmen reale und wirtschaftlich tragfähige Alternativen erhalten, um ihre Emissionen zu reduzieren. Erst wenn diese Alternativen im großen Maßstab verfügbar sind, kann das ETS seine wichtigste Funktion erfüllen: den Übergang zu einer klimaneutralen und zugleich wettbewerbsfähigen europäischen Industrie zu ermöglichen.

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