Der Einfluss des Koalitionsvertrags auf den deutschen Strommarkt
Koalitionsgespräche zwischen CDU/CSU und SPD werden die energiepolitische Zukunft Deutschlands prägen – mit Auswirkungen auf Erneuerbare, Strompreise und Strategien für konventionelle Kraftwerke.
April 24th, 2025
Die Koalitionsverhandlungen zwischen CDU/CSU und SPD markieren einen entscheidenden Moment für die künftige Ausrichtung der deutschen Energiepolitik. Die Weichen, die jetzt gestellt werden, bestimmen maßgeblich den Kurs der Energiewende – mit direkten Folgen für den Ausbau erneuerbarer Energien, den Umgang mit konventionellen Kraftwerkskapazitäten und nicht zuletzt für die Entwicklung der Strompreise.
Um die möglichen Auswirkungen der politischen Entscheidungen auf den Strommarkt besser einschätzen zu können, hat Montel Analytics zwei Sensitivitätsanalysen auf Basis unserer europäischen long-term Strompreisszenarien durchgeführt. Ziel ist es, potenzielle Preisdynamiken in Reaktion auf verschiedene energiepolitische Ausrichtungen frühzeitig zu erkennen.
Entlastung der Stromverbraucher im Fokus des Koalitionsvertrags
Die Koalitionsverhandlungen der vergangenen Wochen deuten auf einen möglichen Kurswechsel in der deutschen Energiepolitik hin. Nach dem Wahlsieg der CDU/CSU unter Friedrich Merz am 23. Februar 2025 haben sich CDU/CSU und SPD auf einen gemeinsamen Koalitionsvertrag1 verständigt, der nun veröffentlicht wurde. Auch im Bereich der Energiepolitik enthält das Papier einige bemerkenswerte Vereinbarungen.
Im Zentrum steht das Ziel, Stromverbraucher spürbar zu entlasten – sowohl private Haushalte als auch die stromintensive Industrie. Geplant sind unter anderem steuerliche Entlastungen sowie die Reduzierung von Umlagen. Gleichzeitig soll der Ausbau dynamischer Stromtarife vorangetrieben werden. Der notwendige Rollout intelligenter Messsysteme (Smart Meter) wird dabei als zentrale Voraussetzung genannt und entsprechend priorisiert.
Batteriespeicher werden im Koalitionsvertrag als „von überragendem öffentlichem Interesse“ eingestuft – ein klares politisches Signal für deren Bedeutung im zukünftigen Energiesystem. Auch das sogenannte Prosuming – also die Nutzung von Solarstrom in Kombination mit Heimspeichern – wird ausdrücklich positiv bewertet.
Der neue Koalitionsvertrag skizziert zentrale Eckpunkte für die zukünftige Zusammensetzung des deutschen Energiemixes. Neben erneuerbaren Energien liegt der Fokus insbesondere auf dem Ausbau von Flexibilitäten und Speichern sowie einer kraftwerksseitigen Absicherung der Versorgung.
Konkrete Ausbauziele für Wind- und Solarenergie bleiben im Koalitionsvertrag weitgehend vage. Dennoch wird betont, dass die Förderung von Solarenergie künftig systemdienlich – insbesondere in Kombination mit Speichern – ausgestaltet werden soll. Der Ausbau der Windkraft soll fortgeführt werden, wobei die Zwischenziele des Windflächenbedarfsgesetzes für 2027 unangetastet bleiben. Die Flächenziele für das Jahr 2032 sollen hingegen evaluiert werden. Eine stärkere Rolle soll Biomasse spielen: Der Beitrag flexibler Biomassekraftwerke zur Netzstabilität und Versorgungssicherheit soll gezielt gehoben werden. Auch bei der Wasserkraft und Pumpspeicherkraftwerken soll das bestehende Potenzial angehoben werden.
Ein zentrales Element der geplanten Kraftwerksstrategie sind technologieoffene Ausschreibungen für neue regelbare Kapazitäten. Ziel ist es durch die Ausschreibungen Anreize zu setzen, bis 2030 bis zu 20 GW an zusätzlichen Gaskraftwerken zuzubauen. Diese sollen nicht nur Versorgungssicherheit gewährleisten, sondern auch durch ein erweitertes Angebot dämpfend auf die Strompreise wirken. Zusätzlich dazu soll insbesondere durch CO2-Abscheidungs- und Speicherungstechnologien (CCS) und auch Nutzungstechnologien (CCU) das Ziele der der Klimaneutralität erreicht werden. Dazu soll zukünftig ein Gesetzespaket beschlossen werden, welches die Abscheidung, den Transport, die Nutzung und die Speicherung von Kohlendioxid für Gaskraftwerke ermöglicht.
Auch beim Kohleausstieg zeichnet sich eine mögliche Anpassung des Zeitplans ab. Zwar wird weiterhin an dem Ziel festgehalten, spätestens 2038 vollständig aus der Kohleverstromung auszusteigen. Der konkrete Ausstiegspfad soll jedoch von der Geschwindigkeit des Gaskraftwerkszubaus abhängen. Das würde bedeuteten, dass wir in diesem Fall von einer langsameren Stilllegung der Kohlekapazitäten bis 2038 rechnen könnten. Zu dem Thema Kernenergie wurde in dem Koalitionsvertrag keine Angaben gemacht.
Welche Auswirkungen der Zubau von 20 GW Gaskraftwerkskapazität bis 2030 sowie ein möglicher verzögerter Kohleausstieg auf den Strommarkt und die Preisentwicklung haben könnten, haben wir bei Montel Analytics in zwei Sensitivitätsanalysen untersucht.
Die Sensitivitätsrechnungen zum Koalitionsvertrag: „Fast-Gas-Expansion“ und „Slower-Coal-Exit“
Auf Grundlage des kürzlich veröffentlichten Koalitionsvertrags zwischen CDU/CSU und SPD hat Montel Analytics zwei Sensitivitätsanalysen erstellt, um die potenziellen Auswirkungen auf den deutschen Strommarkt zu quantifizieren. Ausgangspunkt für beide Berechnungen ist unser „Central“-Szenario, das die aktuelle politische Beschlusslage widerspiegelt.
Im „Central“-Szenario wird davon ausgegangen, dass die im EEG verankerten Ausbauziele für erneuerbare Energien erreicht werden. Der Kohleausstieg erfolgt – wie im Kohleausstiegsgesetz vorgesehen – bis spätestens 2038, mit einem sukzessiven Rückbau der Braun- und Steinkohlekapazitäten in den Jahren davor. Darüber hinaus wird ein Zubau von 20 GW an Gaskraftwerkskapazität bis 2038 unterstellt, der in diesem Szenario ab etwa 2030 schrittweise beginnt. Das langfristige Ziel der Emissionsfreiheit wird hier bis 2060 erreicht. Eine detaillierte Erklärung dieses und weiterer Szenarien finden Sie zudem in unserem aktuellen EU Energy Outlook.
Die beiden Varianten „Fast-Gas-Expansion“ und „Slower-Coal-Exit“ setzen gezielt an diesen Annahmen an: Während die erste ein beschleunigtes Zubau für Gaskraftwerke bereits deutlich vor 2030 unterstellt – wie es der Koalitionsvertrag andeutet – betrachtet die zweite einen verzögerten Rückbau der Kohleverstromung in Abhängigkeit vom Fortschritt des Gaskraftwerksausbaus. Basis beider Sensitivitäten2 stellt wie bereits gesagt das Szenario „Central“ dar, welches jedoch für beide Sensitivitäten leicht modifiziert wurde:
Bei der Sensitivität „Fast-Gas-Expansion (FGE)“ wurde berücksichtigt, dass bereits ab 2030 zusätzliche 20 GW an Gaskapazitäten – im Vergleich zu heute zugebaut werden. Diese Annahme stellt ein Extremfall dar, welche jedoch von einigen Experten als nicht realistisch eingestuft wurde. Im Vergleich dazu: Im Szenario „Central“ werden die zusätzlichen 20 GW erst im Jahr 2038 erreicht. Langfristig werden dieselben Kapazitäten bei dem Gaskapazitäten angenommen. Abbildung 1 veranschaulicht den Unterschied im Zubau der Gaskapazitäten für den Zeitraum 2025 bis 2039 zwischen dem Szenario „Central“ und der Sensitivität „Fast-Gas-Expansion“.
Bei der Sensitivität „Slower-Coal-Exit (SCE)“ wurde berücksichtigt, dass, es nicht schnell genug gelingen wird steuerbare Gaskraftwerke zuzubauen - wie es in der ersten Sensitivität angenommen wurde. Die Abschaltung der Kohlekraftkapazitäten wird daher hier langsamer stattfinden als im „Central“ Szenario angenommen. Jedoch wird auch hier ab 2038 der Kohleausstieg vollzogen. Daher haben wir in dieser Sensitivität der Ausbau der Gaskapazitäten wie indem Szenario „Central“ angenommen jedoch eine langsamere Abschaltung der Kohlekraftwerke im Vergleich zu unseren Annahmen aus dem „Central“ Szenario angenommen. Abbildung 2 veranschaulicht den Unterschied im Abbau der Braun- und Steinkohlekapazitäten für den Zeitraum 2025 bis 2040 zwischen dem Szenario „Central“ und der Sensitivität „Slower-Coal-Exit“. Hier ist es wichtig zu betonen, dass der Koalitionsvertrag keine konkreten Angaben macht, wie dieses verzögerte Ausstiegsszenario aussehen könnte. Der Einfachkeit halber wird auch hier ein Extremfall modelliert: sowohl für Steinkohle als auch für Braunkohle laufen alle Kraftwerke, die nach derzeitigem Plan bis 2030 noch nicht stillgelegt sind, bis Ende 2038 weiter.
Grafik 1: Unterschied im Zubau der Gaskapazitäten zwischen der Sensitivität "Fast-Gas-Expansion" und dem Szenario "Central".:
Abbildung 2: Unterschiede in den Braun- und Steinkohlekapazitäten zwischen der Sensitivität " Slower Coal Exit“ und dem Szenario "Central".:
Schnellerer Gaskraftwerkszubau senkt Strompreise – aber erhöht CO₂-Emissionen im Stromsektor
Ein beschleunigter Ausbau von Gaskraftwerkskapazitäten bis 2030 wirkt sich deutlich dämpfend auf das Strompreisniveau aus – führt gleichzeitig jedoch zu einem Anstieg der CO₂-Emissionen im Stromsektor. Abbildung 3 zeigt die prozentualen Unterschiede bei Base- und Peakpreisen zwischen der Sensitivität „Fast-Gas-Expansion“ und dem Referenzszenario „Central“.
Die Modellierung ergibt: Bereits in den Jahren 2031 und 2032 könnten die Basepreise (jährlicher Durchschnittspreis aller Stunden im Jahr) um rund 16 % niedriger ausfallen, sofern zusätzliche 20 GW an Gaskapazitäten bis 2030 vollständig am Netz sind. In den Jahren davor ist der Preisunterschied geringer, da sich der Zubau erst in der Umsetzungsphase befindet. Ab dem Jahr 2034 verringert sich die Differenz ebenfalls, da auch im „Central“-Szenario ab diesem Zeitpunkt ein zusätzlicher Ausbau der Gaskraftwerkskapazitäten unterstellt wird. Ab 2038 konvergieren die Preise in beiden Szenarien, da der vollständige Zubau von 20 GW in beiden Modellansätzen berücksichtigt ist.
Da Gaskraftwerke primär in Hochlastzeiten eingesetzt werden, ist der preisliche Effekt bei den Peak-preisen besonders ausgeprägt: Im Jahr 2032 sinkt der Peakpreis (jährlicher Durchschnittspreis der Stunden zwischen 8 -20 Uhr werktags) in der „Fast-Gas-Expansion“-Variante um rund 32 %. Auch die Anzahl der Stunden mit Extrempreisen über 100 €/MWh geht spürbar zurück – konkret um 14 % im selben Jahr.
Abbildung 3: Prozentuale Veränderung der Base- und Peakpreise zwischen der Sensitivität "Fast-Gas-Expansion" und dem Szenario "Central".:
Der beschleunigte Ausbau von Gaskraftwerken führt – trotz positiver Effekte auf die Strompreise – zu einem Anstieg der CO₂-Emissionen im Stromsektor. In der Sensitivität „Fast-Gas-Expansion“ liegen die Emissionen im Jahr 2031 rund 9 % über dem Niveau des „Central“-Szenarios. Für 2032 beträgt der Anstieg etwas weniger als 8 %. In absoluten Werten entspricht dies einem zusätzlichen Ausstoß von etwa 8,44 Millionen Tonnen CO₂ im Jahr 2031 sowie rund 7,25 Millionen Tonnen im Jahr 2032. Dieser temporäre Emissionsanstieg ist auf die vermehrte Nutzung gasbasierter Erzeugungskapazitäten zurückzuführen.
Abbildung 4: Prozentuale Veränderung der Emissionsmenge zwischen der Sensitivität "Fast-Gas-Expansion" und dem Szenario "Central".:
Eine ergänzende Nebenanalyse im Rahmen der Sensitivität „Fast-Gas-Expansion“ zeigt: Würde der Einsatz von CO₂-Abscheidungs- und Nutzungstechnologien (CCS/CCU) auf die neuen Gaskraftwerke ausgeweitet, wie im Koalitionsvertrag vorgesehen, hat dies nur einen geringfügigen Einfluss auf das Strompreisniveau. Im Modell wird hierbei der Wirkungsgrad der Gaskraftwerke reduziert, dadurch steigen die Grenzkosten und der Gasverbrauch sinkt. Sowohl Base- als auch Peakpreise steigen im Vergleich zur ursprünglichen Sensitivität lediglich minimal an. Durch den niedrigeren Gasverbrauch steigen die aufzufangenden CO₂-Emissionen weniger stark an, der Zuwachs sinkt auf 6,35 % bzw. 5,24 %.
Kohlekraftwerke als Backup-Lösung, für ein langsameren Ausbau der Gaskraftwerke, dämpfen Preise, steigern jedoch Emissionen
Abbildung 5 zeigt die prozentualen Preisänderungen bei Base- und Peakpreisen zwischen dem Szenario „Central“ und der Sensitivität „Slower-Coal-Exit“. Ein langsamerer Kohleausstieg führt im Jahr 2031 zu einer Reduktion der Basepreise um 16 %, die im Jahr 2032 auf 18 % ansteigt. Für den Peakpreis beträgt die Reduktion 32 % im Jahr 2031 und 26 % im Jahr 2032.
Die Anzahl der Extrempreise über 100 €/MWh fällt, mit einer Reduzierung von 12 % im Vergleich zum „Central“ Szenario, jedoch etwas geringer aus als in der vorherigen Sensitivität.
Abbildung 5: Prozentuale Veränderung der Base- und Peakpreise zwischen der Sensitivität "Slower-Coal-Exit " und dem Szenario "Central".:
Ein auffälliger Aspekt der Sensitivität „Slower-Coal-Exit“ ist der signifikante Anstieg der CO₂-Emissionen im Vergleich zum Referenzszenario „Central“. Besonders in den Jahren kurz vor dem vollständigen Kohleausstieg, steigt der CO₂-Ausstoß um rund 72 %. Dies ist natürlich bedingt durch die Annahme eines maximal verzögerten Ausstiegs. Im Jahr 2031 wird ein Anstieg von etwa 33 % prognostiziert, was in absoluten Zahlen rund 30,52 Millionen Tonnen CO₂ entspricht.
Abbildung 6: Prozentuale Veränderung der CO2-Emissionen zwischen der Sensitivität "Slower-Coal-Exit " und dem Szenario "Central".:
Fazit und Rückschlüsse für die zukünftige Preisentwicklung
Die Analyse der beiden Sensitivitäten zeigt, dass – unter den getroffenen Annahmen und im Vergleich zu unserem „Central“-Szenario der europäischen Strompreisszenarien – ein schneller Zubau der 20 GW an zusätzlichen Gaskraftwerken den Strompreis insbesondere in den Jahren 2031 und 2032 im Durchschnitt deutlich senken kann. Dieser Preisrückgang geht jedoch mit einem Anstieg der gesamten CO₂-Emissionen im Stromsektor einher. Eine Verlangsamung des Kohleausstiegs, wie sie im Koalitionsvertrag angesprochen wird, sofern der Ausbau der Gaskapazitäten nicht wie geplant erfolgt, würde zu einem ähnlichen preislichen Effekt führen. Allerdings würde diese Variante aufgrund der höheren CO₂-Intensität von Kohlekraftwerken zu deutlich mehr CO₂-Emissionen führen.
Es ist wichtig zu betonen, dass beide Sensitivitäten auf Annahmen basieren, die von Montel Analytics unter Berücksichtigung des aktuellen Koalitionsvertrags getroffen wurden. In diesen Szenarien wurden keine Veränderungen im Ausbau erneuerbarer Energien oder bei Flexibilitätsoptionen berücksichtigt, da der Koalitionsvertrag dazu keine konkreten Angaben macht.
Ein weiterer interessanter Aspekt ist die im Koalitionsvertrag erwähnte Rolle von Reservekraftwerken. Diese sollen künftig nicht nur zur Vermeidung von Versorgungsengpässen, sondern auch zur Stabilisierung des Strompreises beitragen. Abgesehen von der rechtlichen Fragestellung muss künftig noch geklärt werden, unter welchen Bedingungen und Rahmenbedingungen dieser Einsatz erfolgen könnte.
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